Ann Wadsworth lebt in Boston, Mass., und ist als Heraus-geberin für die Publikationen der Bibliothek Boston Athenaeum verantwortlich. Mrs. Medina ist ihr erster Roman.
Kurzbeschreibung: Nach 25 Jahren Ehe begegnet Mrs. Medina, eine kultivierte Dame von 59 Jahren, einer Frau, die ihr nicht mehr aus dem Sinn geht: der jungen Blumenverkäuferin Lennie. Und diesmal lässt sie geschehen, was sie sich viele Jahre zuvor versagt hat. Sie sucht die Begegnung mit Lennie, und eine zarte Romanze entspinnt sich zwischen den beiden Frauen ...
Rezension von K. P. zu Ann Wadsworth - Mrs. Medina
Lange schon ist mir kein Roman mehr begegnet, der vom ersten Satz an zeigt, literarisch wertvoll zu sein, und jenen Sog hervorragender Erzählungen verursacht, der einen davonträgt und bis zum Ende nicht mehr freigibt. Mrs. Medina steht an einem Wendepunkt ihres fast 60jährigen Lebens – und wir sind eingeladen, die Zeit davor, danach und vor allem währenddessen mitzuerleben.
Die Leserin lernt Mercedes Medina, eine 59 Jahre alte, gut situierte Frau kennen, als diese sich nach einem Zusammenbruch in einer Klinik wieder findet. Ihr Mann Patrick, einst berühmter Cellist und 25 Jahre älter als sie, ist gerade verstorben. Und ihre Affäre mit Lennie, einer 29jährigen Blumenverkäuferin, fand nahezu zeitgleich durch deren plötzliches Verschwinden ein jähes Ende. Mrs. Medina verliert die Kontrolle über ihr Leben, ernährt sich von trockenem Müsli und Gin, bis ihre Freundin Tina sie findet. „Lennie ist fort. Sie hat mich aus dem Schlaf zum Leben erweckt, und nun stelle ich fest, dass ich keinen Grund habe, wachzubleiben.“
Nach dem 1. Kapitel über diesen Klinikaufenthalt erzählt Ann Wadsworth nun rückblickend und auktorial von dem Weg dorthin. Sie erzählt von der Ehe zwischen dem charmanten, mittlerweile pflegebedürftigen Künstler Patrick und der sich treusorgend um ihn kümmernden und ihn bedingungslos liebenden Frau Mercedes. Sie wird zu ihrer eigenen Überraschung von Lennie, einer Frau, deren Lebensstil so gar nicht zu ihr passt, aus ihrem wohl arrangierten, finanziell sorglosen Leben gerissen und im wahrsten Sinne des Wortes „wachgeküsst“.
In Kapitel drei dann erleben wir Mercedes auf Erholungsreise in der Karibik, wo sie Diana kennen lernt, die sechs Wochen zuvor von einer Dame namens Lily verlassen wurde. Und dann kommt es zu einem Wiedersehen mit Lennie.
Vielleicht spürt manche potentielle Leserin den Verdacht in sich aufkeimen, dass allen Anschein nach wohl erst die Heteroehe durch Tod des Mannes zu Ende gehen muss, bevor die lesbische Romanze erlaubt ist. Doch hier sei gesagt: Eine derartige Tendenz ist zu keinem Zeitpunkt zu spüren, ganz im Gegenteil. Der Grundtenor dieses wunderbaren Romans ist nicht „Nun darf sie“, sondern vielmehr „Na endlich“.
Das über 420 Seiten umfassende Buch ist zu keinem Zeitpunkt langatmig. Ann Wadsworths von Andrea Krug hervorragend übersetzte Sprache ist wunderbar poetisch und wohlklingend, niemals gestelzt oder künstlich. Nicht selten kam mir beim Lesen Virginia Woolf in den Sinn, und wenn der englische Originaltitel nicht „Light, Coming Back“ hieße, könnte man fast von einer bewussten Parallelität zu einer gewissen „Mrs. Dalloway“ ausgehen.
Dieses Buch ist eine wirkliche Entdeckung, innerlich wie äußerlich handwerklich hervorragend gemacht und sei jeder ans Herz gelegt, die auf niveauvolle Literatur über eine niveauvolle Dame Lust hat!